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Demenz in jungen Jahren

Was bleibt, ist der Moment 

In der Familien-Reitschule in Velbert verbringen Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ein Wochenende mit Pferden. Der Workshop ermöglicht gemeinsame Erlebnisse, stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – und zeigt wieder einmal eindrucksvoll, wie wertvoll Pferde auch in therapeutischen Bereichen sind.

Christina lebt an der Seite von Coco ihren Kindheitstraum. Alle Fotos: Sabine Heüveldop

Auf dem Weg zu den Pferden beginnt Anja zu erzählen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Mein Vater hat mir früher immer ein paar Mark zugesteckt“, sagt sie. „Damit durfte ich bei einem Bauern in der Nachbarschaft reiten. Das war wunderbar.“ Später habe sie auch voltigiert, erzählt sie und spricht lebendig über ihre Kindheit. Vorhin, in der Vorstellungsrunde, war Anja noch sehr zurückhaltend. Sie fand kaum Worte, machte Pausen, suchte den Blick ihres Partners, als könnte er ihre Gedanken festhalten – und fehlende Worte ergänzen. Stockend erzählte sie von der Diagnose, die vor einem Jahr alles veränderte: Demenz. Es ist ein stiller, sonniger Morgen im Bergischen Land. In der Familien-Reitschule ist noch wenig Betrieb. Helfer holen einige Ponys von den hügeligen Weiden, Hufe klappern über die Stallgasse. Doch heute ist kein gewöhnlicher Reitschulvormittag. Fünf Menschen mit Demenz sind mit ihren Angehörigen zu einem Wochenend- Workshop in die Familien-Reitschule gekommen. Gemeinsam wagen sie etwas, das ihnen im Alltag oft schwerfällt: sich in fremder Umgebung zurechtzufinden, neuen Abläufen zu folgen und ungewohnte Aufgaben zu übernehmen. Der Workshop richtet sich an Menschen mit Demenz in jungen Jahren – damit sind Menschen gemeint, bei denen die typischen Symptome vor dem 65. Lebensjahr beginnen.

Zahlen & Fakten

Zum Jahresende 2023 lebten in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 100.000 der Betroffenen jünger als 65 Jahre sind. Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG)

Kaum passende Angebote

„Menschen, die in jungen Jahren an Demenz erkranken, finden bislang nur wenige Angebote, die zu ihrer Lebensphase passen“, sagt Angelika Hörter. Betreuungsangebote sowie Sport- und Freizeitgruppen richteten sich fast ausschließlich an ältere Betroffene – mit anderen Interessen und Bedürfnissen. Angelika Hörter leitet die Geschäftsstelle des Landesverbands der Alzheimer Gesellschaften NRW e.V. und reitet selbst in der Familien-Reitschule. 

Glückliche Stunden mit Pferden für Menschen, die mehr als andere im Moment leben müssen.

Sie war eine der treibenden Kräfte hinter der Idee, das Selbsthilfeangebot um einen pferdgestützten Workshop zu erweitern. Reitschulinhaberin Britta Berse konnte sich das Projekt auf ihrem Hof gut vorstellen. „Bei uns wird jeder freundlich empfangen – unabhängig von Erfahrung oder körperlichen Möglichkeiten. Die Menschen, die zu uns kommen, fühlen sich angenommen, ohne Vorurteile“, sagt sie. Hinzu kommen Ponys und Pferde, die so verlässlich sind, dass auch Menschen ohne Reiterfahrung schnell Vertrauen fassen. 2024 fanden – unterstützt von der BARMER – die ersten Workshops statt. Sie sind Teil des Selbsthilfeprojekts JaDe, das für „Jung an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen“ steht.

Unbekanntes wagen

Für das Wochenende mit den Ponys braucht es keine Reiterfahrung, eher etwas Mut. Das bestätigt Volker, der seine Frau begleitet, die seit fünf Jahren mit der Krankheit lebt. „Viele Betroffene trauen sich nicht mehr, etwas Unbekanntes zu wagen. Das ist sehr schade“, sagt er. Im Reiterstübchen duftet es nach Kaffee, die Tische sind gedeckt. Nach dem ersten Tag wirkt die Runde vertraut: Jacken hängen über Stuhllehnen, Tassen werden nachgefüllt, jemand rückt noch einen Stuhl heran. In dieser Runde sprechen alle offen über Alltagsprobleme, Veränderungen, Unsicherheiten – und wie lang der Weg bis zur Diagnose war. Angelika Hörter erklärt, oft werde in jüngeren Jahren zunächst etwas anderes vermutet – etwa Depression oder Burnout. Das sei sehr belastend. Jutta kennt dieses Gefühl. Als die gelernte Versicherungskauffrau im Job nicht mehr zurechtkam, meldeten sich Kollegen bei ihrem Mann Christopher: Irgendetwas stimme nicht. Auch zu Hause merkte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Christopher erzählt von seltsamen Momenten – wie dem Portemonnaie im Kühlschrank. „Echt jetzt?“, fragt Jutta von der Seite und beide lachen.

Britta Berse, Angelika Hörter und Nancy Kolling (v.l.n.r.) sind die Treiberinnen hinter dem Projekt.

Melanie begleitet ihren Mann Ralf beim Workshop. Zuhause haben die beiden einen Tinker. 

Mit allen Sinnen das Pferd spüren: Jutta im Nahkontakt mit Maximus. 

Zwischen Hilfe und Bevormundung

Ralf und Melanie sind seit 30 Jahren verheiratet. Seit Ralfs Diagnose müssen sie auch ihre Rollen als Paar neu finden. Sie erzählen von ihrem Pferd zu Hause, einem Tinker, den sie geschenkt bekamen. „Meistens stehe ich nur daneben, wenn meine Frau ihn versorgt, und schaue zu“, sagt Ralf. Melanie räumt ein, dass sie immer wieder vor Fragen steht, die viele Angehörige kennen: Was traue ich meinem Partner noch zu? Wo beginnt Hilfe – und wo Bevormundung? Mit am Tisch sitzt Nancy Kolling, Projektleiterin von JaDe. Sie betont, wie wichtig Angebote seien, die Menschen mit Demenz weiter teilhaben lassen. „Jung an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen sind aktiver als betagte Menschen – und genau darin möchten wir sie in diesem Workshop bestärken.“ Wer aktiv bleibt und gefordert wird, kann seine Fähigkeiten oft länger erhalten. Nach dem gemeinsamen Frühstück steht Britta auf. „So, wir gehen raus“, sagt sie. Ein letzter Schluck Kaffee, Jacken werden übergezogen, Stühle rücken über den Holzboden. Draußen warten die Ponys.

Erste Annäherung

Vier Ponys und Luna, eine Haflingerstute, stehen vor dem Stall in der Sonne. Bürsten, Striegel und Hufkratzer liegen griffbereit in beschrifteten Putzkästen – für Maximus, Coco, Flöhchen, Palimero und Luna. Britta zeigt die ersten Handgriffe: Sie ermuntert die Teilnehmer auch, sich Zeit zu nehmen und einfach mal zu spüren, wie warm und weich das Fell ist. Die ersten Berührungen sind zögerlich. Fingerspitzen tasten sich vor, Hände folgen – erst zaghaft, dann sicherer. Jutta freundet sich mit Maximus an. Als Angelika Hörter die Hufe auskratzt, lehnt Jutta sich vorsichtig über den Rücken des Ponys. „Von dem Tier geht eine Wärme aus, die total entspannt“, sagt Christopher, der seiner Frau zuschaut. „Das ist richtig was fürs Herz.“ 

Christina putzt Coco mit gleichmäßigen Bewegungen; die feinen Haare der Fuchsstute flirren im Sonnenlicht. Isabel und Elisabeth schauen zu, wie aktiv ihre Mutter bei der Sache ist. „Das war ihr Kindheitstraum“, sagt Isabel und fügt lachend hinzu: „Mama hat Coco einkassiert – da haben wir keine Chance mehr.“ Anja ist ganz versunken in ihre Aufgabe, bis sie vorsichtig mit einer Hand durch das dichte Fell des Ponys fährt und innehält. Als sie Flöhchen umarmt, kommen ihr Tränen. Flöhchen senkt den Kopf und steht ganz still. „Meine Kindheit ist wieder da“, sagt Anja. „Es ist einfach wunderschön.“

Gelassene Lehrmeister

In der Familien-Reitschule gibt es über 30 Lehrpferde. Sie leben ganzjährig draußen – auf umliegenden Weiden oder auf verschiedenen Winterpaddocks. Britta Berse sagt, das mache ihre Pferde ausgeglichen. Und zuverlässige Lehrpferde braucht ihr Konzept: Sie arbeitet vor allem mit Kindern, Reitanfängern und Wiedereinsteigern – und wie an diesem Wochenende mit Menschen, die Pferden zum ersten Mal begegnen. Ihre jüngsten Reitschüler sind drei Jahre alt. Spielerisch werden sie an den Umgang mit den Ponys herangeführt und können sich bis in die Turniergruppe weiterentwickeln. Zum Turnierteam gehören zehn Reitschüler; viermal im Jahr fahren sie los und starten in Reiterwettbewerben sowie Dressur- und Springprüfungen. Auch auf der Equitana ist der Betrieb präsent: Dort demonstrierte die Familien-Reitschule schon mehrfach für Pferdesport Deutschland den Kinderreitunterricht und stellte auch das Projekt JaDe vor.

In der Familien-Reitschule von Britta Berse (Mitte) ist jeder willkommen.

An der Seite von Haflingerstute Luna gewinnt Ralf Runde für Runde an Sicherheit.

Conny synchronisiert ihre Schritte mit Palimero.

Was für geübte Reiter lächerlich leicht scheint, ist für die Teilnehmer der Workshops schon eine Herausforderung: Ihr Pferd über ein Cavaletti führen; hier Christina mit Coco.

In Bewegung kommen

Nach dem Putzen und Streicheln führen die Teilnehmer ihre Ponys zum Reitplatz und so kommt die Gruppe in Bewegung. Britta Berse zeigt noch einmal die Grundlagen und dann sind die Teilnehmer dran. Zwischen pinken Gassen wiederholen sie, was sie am Vortag geübt haben: antreten, anhalten, stehen bleiben, ein paar Schritte rückwärts. Ein Schritt vor – das Pony geht. Halt – es bleibt stehen. Die Ponys reagieren fein auf die Körpersprache der Menschen. Nach und nach steigert Britta die Anforderungen. „Trabt mal an – und die lange Seite hoch“, ruft sie. Christina zögert nicht und trabt mit Coco los. Seite an Seite geht es die lange Seite hoch, dann eine kurze Pause – und gleich noch einmal. Dann sind ihre Töchter dran. „Das Schöne ist: Hier fangen alle bei null an“, sagt Britta Berse. Angehörige ohne Pferdeerfahrung hätten in dieser Situation keinen Vorteil.

Anja und Michael mit Flöhchen

„Meine Kindheit war wieder da. Das Gefühl von damals. Es war wunderschön.“

(Anja)

Jutta und Christopher mit Maximus

„Es war so schön, meine Frau so glücklich zu sehen.“

(Christopher)

Seite an Seite

Gemeinsam gehen die Paare über den Reitplatz – Schritt, Trab, wieder Schritt. Kleine Pausen. „Ich merke, dass Luna auf Ralf ganz anders reagiert als auf mich“, sagt Melanie. Mit Ralf sei Luna viel vorsichtiger. Britta Berse staunt selbst immer wieder: „Die Ponys stellen sich auf die Betroffenen ein und reagieren oft noch sensibler als auf unsere Reitschüler.“ Volker beobachtet das bei seiner Frau. „Palimero hat sich regelrecht mit Conny synchronisiert“, bemerkt er, als beide im Gleichschritt vorbeikommen. Palimero ist, wie viele der Schulpferde hier, über 20 Jahre alt. In vielen Betrieben, erklärt Britta Berse, würde man sich von solchen Pferden früher trennen. Sie hat als Alternative für ihre Senioren ein Patenschaftsprojekt gestartet und gibt einigen Rentnerpferden weiter eine Aufgabe; „Minijob“ nennt sie das.

Bei Anja (links) kommen im Umgang mit Flöhchen Kindheitserinnerungen hoch.

Führungswechsel

Anja hat heute Energie. Sie trabt mit Flöhchen los, zunächst selbstständig. Ihr Partner begleitet sie. „Ich habe richtig gespürt, dass Anja mit Flöhchen harmoniert“, berichtet Michael später. Als Anjas Kräfte nachlassen, verliert sie leichter die Orientierung. Nancy Kolling hakt sich bei Anja ein. Gemeinsam geht es weiter. Zum Schluss steigert Britta noch einmal die Herausforderung: Eine niedrige Stange auf Cavaletti-Höhe sollen alle mit den Ponys überwinden. Britta macht es vor, dann folgen die ersten Teilnehmer. Ein großer Schritt, sich gerade machen, groß werden – und Halt. Die Körpersprache muss klar sein; nicht immer gelingt es beim ersten Mal. Ralf gewinnt von Runde zu Runde an Sicherheit. Ein großer Schritt – ein bestimmtes Halt – und Luna steht. „Wenn so ein großes Tier dem Menschen folgt, ist das eine großartige Erfahrung“, sagt Angelika Hörter. „Das kann Menschen sehr bestärken.“ Dann stellt sich jedes Team noch für ein Foto auf. Anja lächelt in die Kamera, in einer Hand den Führstrick; mit der anderen streicht sie über den Hals des Ponys.

 

Projekt JaDe – worum geht es?

JaDe steht für „Jung an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen“. Das Selbsthilfeprojekt stärkt Angebote, die zur Lebensphase der Betroffenen passen – mit Austausch, Information und gemeinsamen Aktivitäten. JaDe läuft zunächst bis zum 30. November 2027 und wird im Rahmen der Selbsthilfeförderung von der BARMER finanziert. Interessierte können sich gerne an die Projektleitung wenden.

Kontakt JaDe

Projektleitung: Nancy Kolling
Telefon: 0211 240869-19
E-Mail: kolling@alzheimer-nrw.de
www.alzheimer-nrw.de

Kontakt Familien-Reitschule

Britta Berse
Telefon: 0163-7887160
E-Mail: info@familien-reitschule.de
www.familien-reitschule.de

Conny und Volker mit Palimero

„Es passte einfach alles: die Gruppe, die Tiere und das Team. Wir kommen gerne nochmal wieder.“

(Conny)

Christina, Isabel und Elisabeth mit Coco

„Nach dem Wochenende weiß man, dass man nicht allein ist mit seinen Problemen.“

(Christina)

Ralf und Melanie mit Luna

„Sonst bin ich froh, wenn ich wieder nach Hause kann – heute würde ich gerne bleiben.“

(Ralf)

Zwischen erleben und vergessen

Im Reiterstübchen, dort, wo am Morgen die Vorstellungsrunde war, sitzen alle am späten Nachmittag wieder zusammen. Pizza auf dem Tisch, Gläser werden gefüllt, Gespräche entstehen. Die Teilnehmer sind sich einig: Es war ein wunderbares Wochenende. Es habe ihnen gutgetan. Michael sagt: „Ich habe sogar meine Arbeit vergessen, die sonst immer im Hinterkopf ist.“ Auch Melanie ist sich nun sicher: „Ich weiß, dass ich Ralf mehr zutrauen kann.“ Künftig will sie ihn stärker in die Pflege ihres Tinkers einbinden. Und Ralf freut sich auf sein Pferd zu Hause – er möchte auf jeden Fall mehr mitmachen. „Mein Traum wäre es, vielen Betroffenen diese Möglichkeiten zu geben“, sagt Britta Berse, die zweimal im Jahr diesen Workshop anbietet. Angelika Hörter und Nancy Kolling nicken. Sie wünschen sich mehr Vernetzung. Auch eine Schirmherrin oder ein Schirmherr aus dem Reitsport könnte dazu beitragen, das Projekt sichtbarer zu machen. Zum Abschied bekommt jedes Team ein gerahmtes Foto – aufgenommen kurz zuvor auf dem Reitplatz. Auch Anja nimmt ihres entgegen. Einen Moment hält sie es fest. Doch dann sieht sie ihren Partner fragend an: Wer ist die Frau auf dem Bild?

Sabine Heüveldop

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