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Rasseporträt: Leutstettener Pferde
Borreliose und Zeckenschutz
Zeckenalarm beim Pferd
Zecken gehören für Menschen und Tiere längst zum Alltag – und mit ihnen die Sorge vor Krankheiten. Auch Pferde haben Kontakt zu Zecken, das ist gut belegt. Viel schwerer zu beantworten ist die Frage, wie oft sie dadurch tatsächlich erkranken.
Zecke im Doppelpack: Vollgesogen vs. leer macht einen enormen Größenunterschied. Foto: Frank Sorge
Auf einem feuchten Grashalm, kaum eine Handbreit über dem Boden, lauert ein Tier, das leicht übersehen wird. Nur ein winziger dunkler Punkt. Durch die Lupe betrachtet, wirkt es monströs: Seitlich vom kompakten Körper gehen acht gegliederte Beine ab. Nach vorn ragen die Mundwerkzeuge, daneben kurze Taster. In der Mitte sitzt der Stechapparat. Augen hat die Zecke nicht. Sie hebt den Körper an, die Vorderbeine ragen dabei tastend in die Luft. So wartet sie.
Online-Seminar zum Thema
Am Dienstag, 23. Juni ab 20 Uhr referiert Dr. Tobias Niebuhr zum Thema Borreliose und Zeckenschutz beim Pferd und beantwortet Fragen von Pferdebesitzern.
Info/Anmeldung hier.
Vom Halm zur Hautfalte
Irgendwann bewegt sich das Gras. Eine Gruppe Reiter kommt den Weg entlang. Der Weg führt am Waldrand entlang, vorbei an dichtem Buschwerk und hohem Gras. Für sie ist es ein Ausritt wie viele andere. Für die Zecke ist es der Augenblick, auf den sie gewartet hat. Ein Pferdebein streift den Grashalm. Die Zecke löst sich und hängt im Fell. Zwischen den Haaren arbeitet sie sich vor, bis sie eine Stelle erreicht, an der die Haut dünner ist. Am Innenschenkel setzt sie an: Die Mundwerkzeuge ritzen die Haut an, dann dringt der Stechapparat ein. Kleine Widerhaken verankern ihn im Gewebe. Speichel gelangt in die Wunde. Er dämpft die lokale Abwehr und erleichtert das Saugen. In der kleinen Verletzung sammelt sich Blut. Was nachfließt, saugt die Zecke auf. Bleibt sie unentdeckt, sitzt sie dort mehrere Tage fest.
Lästig oder gefährlich?
Die Reiter kehren von ihrem Ausritt zurück. Der Blick wandert vom Kopf über den Bauch bis zur Schweifrübe.
Gerade bei Ausritten im Wald und an hohen Gräsern entlang können Zecken lauern. Foto: Christiane Slawik
Nahaufnahme einer Zecke, gut zu erkennen die Mundwerkzeuge in der Mitte. Foto: Frank Sorge
Hat sich irgendwo eine Zecke festgesetzt? Und wenn ja: Ist das nur lästig – oder schon bedenklich? Dass Pferde mit Zecken in Kontakt kommen, ist in Deutschland nichts Ungewöhnliches.In manchen Regionen sammeln Pferdebesitzer oft mehrere Zecken von ihren Pferden ab. Zecken sind flächendeckend präsent. Als Überträger von Borrelien spielt in Europa vor allem Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock, eine Rolle – und der ist in allen 16 Bundesländern nachgewiesen. Die Sorge nach einem Zeckenfund ist verständlich, denn Zecken können Krankheitserreger wie Borrelien übertragen.
Kontakt heißt nicht Krankheit
Beim Menschen gilt eine Hautrötung an der Einstichstelle als möglicher Hinweis auf eine Infektion. Beim Pferd fällt so etwas meist nicht auf. Hinzu kommt: Viele Zecken werden vermutlich gar nicht entdeckt – und geraten erst in Verdacht, wenn das Pferd unschlüssige Krankheitsanzeichen zeigt. Wird eine Zecke gefunden, liegt der Wunsch nahe, möglichst schnell Klarheit zu bekommen: Blut abnehmen, testen, Gewissheit haben. So einfach ist es jedoch nicht. Das zeigt auch eine 2023 publizierte Studie von Prof. Dr. Heidrun Gehlen, Pferdeklinik der Freien Universität Berlin, und weiteren Kollegen. Auch unter gesunden Kontrollpferden fanden sich Antikörper gegen Borrelia burgdorferi sensu lato: 17 Prozent der klinisch unauffälligen Pferde waren seropositiv, in der Verdachtsgruppe 23 Prozent. Der Unterschied war nicht signifikant. Das heißt: Viele Pferde haben Kontakt mit Borrelien und bilden dagegen eine Immunantwort. Dennoch verursacht dieser Kontakt meist keine erkennbaren Symptome. „In der Regel treten die Pferdebesitzer mit dem Verdacht auf Borreliose an mich heran, bei therapieresistenten, wechselnden Lahmheiten. Manche haben auch den Wunsch, sicherheitshalber eine Blutuntersuchung machen zu lassen, wenn ein Zeckenstich bei ihrem Pferd entzündet war“, sagt Dr. Silke Zuck. Die praktische Tierärztin führte bis 2023 mit ihrer Kollegin eine große ambulante Pferdepraxis im Raum Mannheim/Heidelberg und arbeitet heute dort freiberuflich. Zugleich schränkt sie ein: „Ich persönlich hatte noch nie den Verdacht auf klinische Borreliose, wohl aber bei Antikörperbestimmungen nach Zeckenstich in etwa 30 Prozent der Fälle einen Borrelien- Titer.“
Frühes Absuchen und Absammeln ist als Schutzmaßnahme zu begrüßen.
Hohem Gras zum Trotz: Nach derzeitigem Kenntnisstand scheinen Borrelien für Pferde wesentlich weniger gefährlich zu sein als für Menschen. Fotos (2): Christiane Slawik
Erreger schwer nachzuweisen
Noch schwieriger wird es beim direkten Erregernachweis. Das ist zwar grundsätzlich möglich, scheitert in der Praxis jedoch oft daran, dass geeignetes Probenmaterial schwer zu gewinnen ist. Die Probleme beim Erregernachweis führen zu unterschiedlichen Meinungsbildern, wie Dr. Zuck beschreibt: „Da gibt es die Sicht von Wissenschaftlern, die noch keine Borrelien in Synovia (Gelenkflüssigkeit) oder Liquor (Gehirn- Rückenmarks-Flüssigkeit) nachweisen konnten und deshalb sagen, dass nicht nachgewiesen sei, dass Pferde sich mit Borrelien infizieren können.“ Auf der anderen Seite, so erklärt die Tierärztin, bewerten manche Tierärzte in der Praxis das Geschehen anders: Sie sehen Pferde mit Symptomen, stellen eine Verdachtsdiagnose, finden Antikörper gegen Borrelien in der Blutuntersuchung und beobachten, dass die Symptome nach Antibiotikagabe verschwinden. Daraus folgern sie, dass höchstwahrscheinlich eine Borreliose vorgelegen hat.
Unspezifische Krankheitszeichen
Die Borreliose beim Pferd, in der Fachliteratur auch als equine Lyme-Borreliose bezeichnet, zeigt kein klar umrissenes Krankheitsbild. Viele Symptome, die im Stallgespräch schnell mit Borreliose verknüpft werden – etwa Leistungsschwäche, Mattigkeit, Steifheit oder wechselnde Lahmheiten – sind unspezifisch. In ihrer 2022 an der Freien Universität Berlin vorgelegten Dissertation nennt Katharina Sophie Inerle Lahmheit (45,6 Prozent), Leistungsschwäche (24,1 Prozent) und Apathie (15,2 Prozent) als häufige Vorstellungsgründe. Viele Tiere hatten mehrere unspezifische Symptome oder zusätzlich chronische Erkrankungen. Aus den Daten ließ sich kein typisches klinisches Bild der Borreliose beim Pferd ableiten. Auch Dr. Tobias Niebuhr, Leiter der Abteilung für Innere Medizin an der Pferdeklinik Nindorf, erlebt, dass der Verdacht meist aus unspezifischen Symptomen entsteht. „Häufig wird der Verdacht durch Besitzer geäußert, deren Pferde uneindeutige Symptome zeigen“, berichtet er.
An Borreliose denken würde er bei neurologischen Ausfällen, etwa Lähmungen der Gesichtsnerven oder Muskelzuckungen, gegebenenfalls in Verbindung mit Fieber, Augenentzündungen, gefüllten Gelenken, Muskelschwund, unspezifischem Schmerz, warzenartigen Wucherungen an einer Zeckenbissstelle, wechselnden Lahmheiten oder steifem Gangbild. Zugleich schränkt er ein: Jedes einzelne dieser Symptome könne zahlreiche andere Ursachen haben und lasse sich nur sehr selten gesichert auf Borrelien zurückführen.
Diagnostische Herausforderungen
Die Symptome sind unspezifisch, die Antikörperbestimmung nur ein Indiz. Gerade deshalb braucht es bei Verdacht auf Borreliose eine sorgfältige Diagnostik. Dr. Niebuhr betont: Schon die Wahl von Test und Probenmaterial sei schwierig. Noch schwieriger sei es, das Ergebnis richtig einzuordnen. Man dürfe Laborbefunde nie isoliert betrachten, sondern immer zusammen mit dem klinischen Bild und unter Ausschluss anderer möglicher Ursachen. Laut Dr. Niebuhr gibt es zur Borreliose beim Pferd nur vereinzelt Infektionsstudien und Fallberichte; entsprechend sei vieles noch unklar. „Auf Grundlage der aktuellen Kenntnisse ist davon auszugehen, dass eine klinische Erkrankung durch Borrelien beim Pferd nur selten ausgelöst wird“, sagt er. Bevor eine Therapie eingeleitet werde, müssten andere, häufigere Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden. Zusätzlich erschweren in der Praxis oft lückenhafte Vorberichte und unklare Krankheitsverläufe die Einordnung.Gerade diese Gemengelage erklärt, warum in Fachkreisen auch über mögliche Überdiagnosen diskutiert wird. Wo der Verdacht auf eine schmerzhafte Erkrankung wie Borreliose im Raum steht, ist eine sorgfältige Diagnosestellung besonders wichtig. Von Bedeutung ist deshalb beides: Betroffene Pferde sorgfältig abzuklären und zugleich falsch-positive Befunde nicht zu überschätzen.
Risikogebiete
Für die gesamte teilnehmende Pferdepopulation ergab sich in Süddeutschland eine höhere Borrelien- Seroprävalenz als in Norddeutschland. Auch Koinfektionen mit Anaplasma phagocytophilum wurden im Süden häufiger beobachtet.
(Quelle: Inerle KS, Dissertation, FU Berlin, 2022)
Vor Zecken schützen
Weil sich beim Pferd so schwer unterscheiden lässt, ob ein Zeckenstich folgenlos bleibt oder zu einer Infektion führt, wird Vorbeugung umso wichtiger. Ernüchternd ist dabei der Blick auf viele Produkte, die im Pferdealltag gegen Zecken beworben werden. In den Leitlinien der StIKo Vet heißt es: Herkömmliche Insektensprays auf der Haut des Pferdes wirken nicht gegen Zecken. Das gilt ausdrücklich auch für Produkte mit ätherischen Ölen. Vorsichtiger fällt die Formulierung in der Studie von Prof. Gehlen und Kollegen aus. Dort war ein fehlender Repellentieneinsatz mit einer 2,7-fach höheren Chance auf einen positiven Antikörpernachweis gegen Anaplasma phagocytophilum assoziiert. Die Autoren folgern daraus, dass ein prophylaktischer Repellentieneinsatz das Risiko zeckenübertragener Infektionen senken könnte. Die Impfung spielt derzeit eine untergeordnete Rolle. Die gute Nachricht ist simpel: Gründliches Putzen und das tägliche Entfernen von Zecken bleiben die wirksamsten Maßnahmen. Da Borrelien in der Regel erst etwa 18 bis 24 Stunden nach dem Stich auf den Wirt übertragen werden, bleibt genug Zeit dafür.
Wer eine Zecke entdeckt, sollte sie entfernen, zum Beispiel mit einer Zeckenzange. Foto: Sabine Brose/galoppfoto.de
Regionale Unterschiede: In Süddeutschland kommen Pferde eher als in Norddeutschland mit durch Zecken übertragenen Erregern in Kontakt. Foto: Christiane Slawik
Auch für Dr. Silke Zuck ist frühes Absuchen der praktikabelste Weg: „Es gibt wirklich keinen sinnvollen Zeckenschutz, der für das Pferd zugelassen ist. Kokosfett soll repellierend wirken. […] Absammeln oder Ziehen der Zecken ist immer noch die beste Maßnahme.“ Ob man dabei eher vorsichtig zieht, leicht dreht oder eine Zeckenzange benutzt, ist weniger entscheidend als die Grundregel: nicht quetschen, nicht mit einem Ruck herausreißen. Dass Pferdebesitzer
dabei gut informiert sind, legt auch eine Auswertung der Dissertation von Katharina Sophie Inerle nahe: 56 Prozent der Pferdebesitzer gaben an, Zecken mit Zeckenzange oder Pinzette zu entfernen, 43,1 Prozent verwendeten
Fingernägel. Vom Beträufeln mit Öl oder Alkohol wird abgeraten und die Umfrage ergab auch, dass es nicht praktiziert wird.
Wie Tierärzte die klinische Relevanz einschätzen
Unspezifische Symptome – für jeden Tierarzt ist es mitunter sehr schwierig herauszufinden, ob Borrelien die Ursache für Krankheitssymptome seien könnten. Foto: Stefan Lafrentz
Auch eine Option: Zecken mit der Hand vorsichtig entfernen. Foto: Christiane Slawik
Wann behandeln?
Wie viele Pferde jährlich tatsächlich an Borreliose erkranken, lässt sich nicht belastbar beziffern. Belegt ist der Kontakt mit Borrelien; viel weniger klar ist, wie oft daraus beim Pferd wirklich eine klinisch manifeste Erkrankung entsteht. Die Studie von Prof. Gehlen und Kollegen kommt zu einer klaren Schlussfolgerung: Eine antibiotische Behandlung allein aufgrund erhöhter Borrelien- Antikörperspiegel entbehrt jeder klinischen Grundlage. Der serologische Nachweis belegt beim Pferd vor allem den Kontakt mit dem Erreger, nicht automatisch eine behandlungsbedürftige Erkrankung. In der Untersuchung waren bereits 62,3 Prozent der Pferde vorbehandelt worden; davon erhielten 68,2 Prozent Antibiotika. Zwar besserte sich der Zustand vieler Tiere unter der Therapie. Offen blieb jedoch, worauf diese Besserung zurückzuführen war: auf die antibiotische Wirkung, auf die entzündungshemmende Wirkung von Doxycyclin oder doch möglicherweise auf einen Placeboeffekt. Gerade deshalb mahnt die Arbeit zur Vorsicht. Weder der Antikörpernachweis allein noch die Kombination aus ungeklärten Lahmheiten und anderen unspezifischen Symptomen rechtfertigt automatisch eine Antibiose.
Vielmehr sollte beides Anlass für eine sorgfältige, differenzierte Diagnostik sein. Auch Dr. Tobias Niebuhr betont, dass eine Borreliosebehandlung erst dann angezeigt sei, wenn ein passender Testbefund und klinisch passende Symptome zusammenkommen. Positiv getestete Pferde ohne Symptome bedürften keiner Behandlung. Zur Therapie selbst sagt er: „In der Regel werden Antibiotika eingesetzt, die wirksam gegen Borrelien sind. Zusätzlich findet gegebenenfalls noch eine symptomatische Therapie statt. Auch die Umgebung und das Management sollte dem Patienten angepasst werden, zum Beispiel eine ruhige Box bei Übererregbarkeit.“ Für die Praxis bedeutet das auch: Tritt unter Antibiotika innerhalb weniger Tage keine deutliche klinische Besserung ein, sollte die Diagnose überdacht werden.
Die Realität
Eine deutsche Tierärztebefragung von Prof. Dr. Heidrun Gehlen und Kollegen zeigt, dass die klinische Relevanz der equinen Lyme- Borreliose in der Praxis uneinheitlich eingeschätzt wird. Für die teilnehmenden Praxen wurden in der zugrunde liegenden Befragung pro Jahr zwischen null und sechs Fälle angegeben; in der Dissertation zur Studie wird dies mit durchschnittlich etwa einem Fall pro Praxis beziffert. Zugleich bleibt das Thema klinisch umstritten. Zeckenkontakt ist beim Pferd häufig. Kontakt mit Borrelien ist belegt. Eine klinisch manifeste Borreliose dagegen scheint nach heutigem Kenntnisstand selten zu sein.
Zeckenschutz auf einen Blick
- Pferd nach Weidegang oder Ausritt gründlich absuchen
- gefundene Zecken möglichst früh entfernen
- Zeckenschutzmittel nur mit realistischen Erwartungen einsetzen
- Weidemanagement: Unterholz und dichte Randbereiche reduzieren
- Fieber, Mattigkeit, Lahmheiten oder andere Auffälligkeiten tierärztlich abklären lassen
Antikörper gegen Borrelien lassen sich im Blut nachweisen. Foto: Sabine Heüveldop
Ob und wie herkömmliche Insektensprays auch gegen Zecken helfen, daran scheiden sich die Geister. Foto: Stefan Lafrentz
Schreck lass nach!
Damit wird die Zecke nicht harmlos. Aber mit Abstand betrachtet verliert sie für das Pferd viel von dem Schrecken, den sie unter der Lupe entfaltet. „Mir ist in 30 Berufsjahren kein klinisch nachgewiesener Fall von Borreliose beim Pferd begegnet, noch haben mir Kollegen davon berichtet. Ich würde bis auf Weiteres den Forschungsergebnissen trauen, die sagen, dass Pferde sehr wohl Kontakt mit Borrelien und dadurch Antikörper haben, eine klinische Borreliose aber nicht nachgewiesen werden kann“, fasst Dr. Silke Zuck zusammen. Am Ende bleibt die Zecke, was sie am Anfang war: ein winziger Punkt im Gras, kaum sichtbar – und doch geeignet, große Sorgen auszulösen. Doch nicht jede Sorge ist medizinisch begründet.
Sabine Heüveldop
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