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WM Aachen 2026 – Rückblick auf das Sommermärchen

Altersgerechte Ausbildung junger Pferde 

Reell geht nicht schnell

Ein junges Pferd wird nicht über Nacht zum Reitpferd. Auch nicht an seinem dritten oder vierten Geburtstag. Doch wann ist ein junges Pferd bereit für die Ausbildung und wie sollte diese gestaltet werden? Forschung und klassische Reitlehre weisen in dieselbe Richtung: Junge Pferde brauchen Reize – aber in passender Dosis.

Sie gehört zu den immer wieder heiß diskutierten Themen: die Ausbildung junger Pferde. Planvoll und behutsam sollte in jedem Fall vorgegangen werden. Foto: Holger Schupp

Die Frage, wann und wie junge Pferde ausgebildet werden sollen, ist älter als der moderne Turniersport. Schon Gustav Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ von 1886 prägte das Verständnis von Ausbildung als schrittweisen Aufbau eines Pferdes. Militärische Reitvorschriften systematisierten dieses Erfahrungswissen; über die Heeresdienstvorschrift H.Dv. 12 fanden zentrale Grundsätze Eingang in die Richtlinien für Reiten und Fahren. Heute werden einige dieser Grundsätze auch durch die Forschung überprüft. „Wissenschaftliche Erkenntnisse fließen kontinuierlich in Richtlinien, Regelwerke sowie Aus- und Fortbildungsangebote ein“, sagt Dr. Henrike Lagershausen, leitende Veterinärin von Pferdesport Deutschland. So erhalten etwa das Ausdrucks- und Lernverhalten der Pferde inzwischen mehr Gewicht.

Früher Beginn:

Was Studien zeigen

    → Für einen 2018 veröffentlichten Kongressbeitrag wertete die Pferdewissenschaftlerin Uta König von Borstel 21 Studien zum Alter beim ersten Trainings- oder Wettkampfbeginn aus. 15 Studien, entsprechend 71 Prozent, deuteten auf Vorteile eines frühen Beginns für die Gesundheit oder die Dauer der sportlichen Laufbahn hin. Zwei Studien fanden nachteilige Zusammenhänge, vier keine eindeutigen oder widerspruchsfreien Effekte.

    Die magische Drei

    Kaum eine Zahl steht dabei so sehr für Orientierung – und Missverständnisse – wie die Drei. In den Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 heißt es, Pferde würden „in der Regel mit drei Jahren angeritten“. Die Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport nennen 30 Monate als frühesten Zeitpunkt, ab dem die Ausbildung zum vorgesehenen Nutzungszweck beginnen soll. Leicht wird daraus die verkürzte Botschaft: Mit drei geht’s los. Pferdesport Deutschland stellte bereits 2019 in einer Pressemitteilung klar: Der Zeitpunkt hängt von der individuellen Entwicklung des Pferdes ab. Entscheidend sind nicht wenige Monate mehr oder weniger, sondern ein schonendes, individuell angepasstes Vorgehen. Mit der Frage, wie Einstiegsalter, Training und Haltung zusammenwirken, beschäftigt sich Professor Dr. Christine Aurich. Die Tierärztin leitet das Graf-Lehndorff-Institut für Pferdewissenschaften der Vetmeduni Wien und des Brandenburgischen Hauptund Landgestüts. Im Forschungsverbund HorseWatch untersucht sie mit mehreren Partnern, wie Einstiegsalter, Training und Haltung Gesundheit und Wohlbefinden junger Pferde beeinflussen. Nur weil etwas immer so gemacht worden sei, müsse es nicht automatisch richtig sein, sagt Prof. Dr. Aurich. „Gerade im Pferdesport spielt Tradition eine große Rolle. Deshalb müssen wir traditionelle Prinzipien mit neuen Erkenntnissen immer wieder überprüfen.“

    Maßstäbe im Wandel

    Im militärischen Remontesystem wurden viele Pferde mit drei Jahren angekauft. Anschließend verbrachten sie meist noch ein bis eineinhalb Jahre in Remontedepots, bevor ihre reiterliche Ausbildung begann. Schon damalige Anweisungen verlangten, die Anforderungen nur allmählich zu steigern. Mit dem zivilen Turniersport gewann die Beurteilung junger Pferde unter dem Reiter an Bedeutung: Leistungsprüfungen machten Ausbildungsstände sichtbar und vergleichbar. Die Zuchtverbände wollten die Pferde nicht mehr nur an der Hand beurteilen. 1976 fand beim Turnier der Sieger in Münster erstmals ein Bundeschampionat für drei- und vierjährige deutsche Reitpferde statt. Auch heute werden Prüfungsformate angepasst. Zu den ersten Konsequenzen aus dem Jungpferdegipfel von Pferdesport Deutschland Anfang Februar 2026 gehört: Dreijährige absolvieren bei den Bundeschampionaten nur noch eine statt zwei Prüfungen; am Vortag ist ein Training auf dem Prüfungsplatz vorgesehen. Bei den Vierjährigen entfällt der Fremdreitertest – auch um ihre Aufenthaltsdauer zu verkürzen. Zugleich soll die Bewertung, so Dr. Henrike Lagershausen, „die Qualität der Ausbildung stärker honorieren als eine möglichst spektakuläre Präsentation.“ Nicht pferdegerechte Vorstellungen müssten klar benannt werden und sich entsprechend in der Bewertung niederschlagen.

     

    Pferde kommen mit etwa 15 Monaten in die Pubertät. Mit 18 Monaten sind sie deshalb keine „Kinder“ mehr, sondern Heranwachsende – auch wenn Ihre körperliche und mentale Reife weiterhin individuell beurteilt werden muss. Foto: Christiane Slawik

    Altersgerechte Ausbildung bedeutet, junge Pferde behutsam an ungewohnte Situationen heranzuführen – so, dass sie Vertrauen gewinnen. Foto: Christiane Slawik

    Wie häufig starten Dreijährige?

      → „Die Zahlen zeigen, dass junge Pferde in Deutschland insgesamt sehr zurückhaltend im Turniersport eingesetzt werden“, sagt Dr. Henrike Lagershausen, leitende Veterinärin von Pferdesport Deutschland. Auch der Aufbau der Jungpferdeprüfungen orientiere sich grundsätzlich an einer schrittweisen und altersgerechten Heranführung an den Sport.

      → Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 684 dreijährige Pferde und Ponys mindestens einmal auf einem Turnier vorgestellt. Das entspricht 2,33 Prozent der 29.420 im Jahr 2022 geborenen Fohlen der registrierten Reitpferde und -ponys. Im Durchschnitt wurden diese Pferde und Ponys in ihrem ersten Turnierjahr 2,15-mal gestartet.

      Wann ist ein Pferd körperlich bereit?

      Häufig heißt es, Pferde seien erst mit fünf, sechs Jahren oder noch später körperlich ausgereift und dürften vorher nicht belastet werden. Der neuseeländische Pferdewissenschaftler Chris Rogers und seine Kolleginnen Erica Gee und Keren Dittmer haben die Forschung zu Wachstum und Knochenentwicklung ausgewertet. Ihr Review zeichnet ein differenzierteres Bild: Pferde erreichen einen großen Teil ihres Größenwachstums früh; bei vielen untersuchten Merkmalen ist die skelettale Entwicklung mit etwa zwei Jahren bereits weit fortgeschritten. Die Daten stützen nach Ansicht der Autoren die Annahme, dass sich das Pferd als frühreifer, auf Schnelle und ausdauernde Fortbewegung spezialisiertes Steppen- und Fluchttier entwickelt hat und deshalb grundsätzlich schon relativ früh zu angepasster körperlicher Aktivität fähig ist. Dass dabei noch nicht alle Wachstumsfugen geschlossen sind, spricht nicht gegen angepasste Bewegung. „Die Annahme, dass die Wachstumsfugen erst geschlossen sein müssen, bevor man überhaupt mit den Pferden zu arbeiten beginnt, ist Blödsinn“, sagt Prof. Dr. Christine Aurich. Angepasste Bewegung sei vielmehr notwendig, damit sich Skelett und Bewegungsapparat entwickeln können. Entscheidend sei, wie ein Pferd bewegt werde – nicht ob. Reitmeister Martin Plewa hält einen Ausbildungsbeginn unter dem Sattel im Alter von drei bis dreieinhalb Jahren grundsätzlich für angemessen. Der ehemalige Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter und frühere Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule betont jedoch: „Die körperliche Reife muss bei jedem Pferd individuell abgeschätzt werden.“ Äußerlich weit entwickelte Pferde könnten dabei täuschen: Gerade sie täten sich unter dem Sattel mitunter schwer, ihr Gleichgewicht zu finden. Umgekehrt könne eine altersgemäße Arbeit die Entwicklung eines noch unreif wirkenden Pferdes fördern. Auch Rolf Petruschke warnt davor, sichtbare Bewegungsqualität mit körperlicher Reife gleichzusetzen. Der Pferdewirtschaftsmeister und ehemalige Leiter der Landes- Reit- und Fahrschule Dillenburg verfügt über langjährige Erfahrung in der Pferde- und Reiterausbildung. Seinen Blick richtet er besonders auf langbeinige, sehr bewegungsstarke Sportpferde. Große Bewegungen und ausgeprägte Dynamik könnten körperliche Reife vortäuschen, obwohl es noch an Stabilität fehle. Gerade solche Pferde stellten besondere Anforderungen an eine gesunderhaltende Ausbildung und müssten behutsam gekräftigt werden. Um die körperliche Entwicklung nicht nur aus dem Sattel zu beurteilen, empfiehlt Petruschke regelmäßige Vergleichsfotos des ungesattelten Pferdes im Stand – von der Seite und von hinten. „Die Muskulatur lügt nicht“, sagt er. Über mehrere Wochen lasse sich so verfolgen, ob Rücken und Oberhals kräftiger werden und das Pferd körperlich an Stabilität gewinnt.

      Positivbeispiele für altersgemäße Grundausbildung: Die Bilder zeigen dasselbe Pferd. Links im Alter von etwa 42 Monaten vor Beginn seiner Ausbildung, rechts nach etwa 15 Monaten Grundausbildung an der Westfälischen Reit- und Fahrschule in Münster. Fotos: Martin Plewa

      Die Weichen werden früh gestellt

      Doch die frühe Bewegungsfähigkeit ist nicht erst für den Zeitpunkt des Anreitens relevant. Sie zeigt auch, wie entscheidend die Jahre davor sind. „Ein Fohlen steht kurz nach der Geburt und kann wenig später galoppieren. Der Bewegungsapparat des Pferdes ist biologisch auf frühe Bewegung eingestellt“, sagt Prof. Dr. Christine Aurich. Entscheidend sei deshalb nicht nur, ab wann ein Pferd trainiert werde, sondern auch, unter welchen Bedingungen es aufwachse. Ein Review der Pferdewissenschaftler Alyssa Logan und Brian Nielsen zeigt: Knochen, Gelenkknorpel und Sehnen reagieren auf mechanische Belastung, unterscheiden sich aber in ihrer Entwicklung und Anpassungsfähigkeit. Regelmäßige, moderate Bewegung kann ihre Entwicklung unterstützen. Bewegungsmangel kann das Gewebe schwächen, zu intensive oder ungünstig dosierte Belastung es überfordern. Das bestätigte das Utrechter EXOC-Projekt mit 43 Warmblutfohlen. Die Fohlen wurden vom Alter von einer Woche bis zum fünften Lebensmonat drei Gruppen zugeteilt: 

      überwiegende Boxenhaltung, Boxenhaltung mit standardisiertem Bewegungsprogramm oder Aufzucht auf der Weide. Bei den bewegungsarm gehaltenen Fohlen entwickelte sich der Bewegungsapparat ungünstiger. Auch kurze intensive Sprints aus der Box heraus konnten die regelmäßige freie Bewegung auf der Weide nicht ersetzen. Die Studie spricht dafür, dass eine bewegungsarme Aufzucht Nachteile schafft, die später nur begrenzt auszugleichen sind.

      Wann ist ein Pferd mental bereit?

      Mit Trense, Sattel und Reiter verändern sich nicht nur die körperlichen Anforderungen. Das Pferd müsse nun lernen, seine Angst und seinen natürlichen Fluchttrieb zu regulieren und Anforderungen des Menschen zu tolerieren, sagt Prof. Dr. Christine Aurich. Eine feste Altersgrenze für diese mentale Bereitschaft lasse sich schwer bestimmen. Als wichtigen biologischen Meilenstein nennt sie die Pubertät: Pferde kämen mit etwa 15 Monaten in diese Entwicklungsphase. „Mit 18 Monaten sind sie keine Kinder mehr“, betont Prof. Dr. Aurich. Danach seien sie als Heranwachsende einzuordnen. Ob ein Pferd für eine konkrete Anforderung bereit ist, zeigt sich dennoch am einzelnen Tier: Kann es sich für kurze Zeit auf eine Aufgabe einlassen? Findet es nach Aufregung wieder zur Ruhe? Werden bekannte Situationen mit der Wiederholung leichter – oder nehmen Anspannung, Vermeidung und Abwehr zu?

      Ausbildung beginnt vor dem Aufsitzen

      Das erste Aufsitzen ist ein besonderer Moment im Leben eines jungen Pferdes – der Beginn seiner Ausbildung ist es nicht. Die Richtlinien für Reiten und Fahren verbinden die Skala der Ausbildung ausdrücklich mit der Erziehung im Umgang und der Arbeit am Boden. Ihre Elemente greifen ineinander und entwickeln sich teilweise parallel. Wie diese Vorbereitung in der Praxis aussehen kann, konkretisiert Martin Plewa:

      Eine vielseitig angelegte Grundausbildung legt den Grundstein für gesunde und belastbare Reitpferde. Foto: Stefan Lafrentz

       „Vor dem Anreiten sollte das Pferd bereits im Umgang mit dem Menschen Vertrauen gewonnen haben. Ich lege dabei sehr viel Wert auf abwechslungsreiche Bodenarbeit, auch im Gelände, oder beim Führen über Bodenricks sowie das Heranführen an das Freispringen über niedrige Hindernisse.“ Das häufig praktizierte Longieren vor dem Anreiten lehne er aus Belastungsgründen in dem Alter ab.

      Training und Haltung gehören zusammen

      Mit dem Ausbildungsbeginn verändert sich für viele junge Pferde nicht nur der Tagesablauf. Sie wechseln aus der Aufzuchtgruppe in einen Ausbildungsstall, verbringen mehr Zeit in der Box und haben weniger freie Bewegung oder Sozialkontakte. Ein inzwischen veröffentlichtes HorseWatch-Teilprojekt zeigt jedoch, dass die Unterscheidung zwischen Gruppen- und Einzelhaltung allein wenig über die Qualität der Haltung aussagt. Während des Vortrainings wurden 24 Monate alte Hengste entweder in der Gruppe oder einzeln gehalten. Unter den Bedingungen der Studie ergab sich für die Gruppenhaltung kein eindeutiger Vorteil. Für Prof. Dr. Aurich bedeutet das nicht, dass Sozialkontakte verzichtbar wären. Gruppenhaltung sei wichtig, aber „kein Allheilmittel“. Ebenso wenig seien die Ergebnisse ein Freibrief für beliebige Einzelhaltung. Entscheidend sei das gesamte Haltungsmanagement – nicht das Label „Gruppe“ oder „Box“.

      Bereit fürs Turnier?

        Das Mindestalter macht ein Pferd startberechtigt – aber noch nicht turnierreif. Vor dem ersten Wettkampf sollte es alle Teilanforderungen bereits ohne zusätzlichen Leistungsdruck kennengelernt haben.

        Verladen und Transport: Das Pferd lässt sich ruhig verladen, steht während der Fahrt sicher und erholt sich nach dem Transport rasch.

        Fremde Umgebung: Es kennt einen auswärtigen Reitplatz und kann sich dort nach anfänglicher Aufregung wieder auf vertraute Aufgaben konzentrieren.

        Warten und Trennung: Es kann zeitweise ohne seine Gruppe bleiben und Pausen aushalten, ohne dass die Anspannung stetig zunimmt.

        Bekannte Aufgaben: Auf dem fremden Platz wird nichts Neues verlangt. Die Prüfung liegt sicher innerhalb seines Ausbildungsstandes.

        Körperliche Reserven: Das Pferd bewältigt nicht nur die Aufgabe, sondern auch Transport, Abreiten, Wartezeiten und neue Eindrücke.

        Erholung: Es findet anschließend wieder zur Ruhe, frisst und bewegt sich normal und wirkt auch am folgenden Tag weder auffällig erschöpft noch steif.

        Ein ruhiges Auswärtstraining ist eine sinnvolle Zwischenstufe: Es zeigt, wie das Pferd mit Transport und fremder Umgebung umgeht, ohne es bereits Prüfungsdruck auszusetzen.

        Das junge Pferd dehnt sich vertrauensvoll an die Reiterhand heran. Foto: Stefan Lafrentz

        Das junge Pferd dehnt sich vertrauensvoll an die Reiterhand heran. Foto: Stefan Lafrentz

        Stress ist noch keine Überforderung

        Selbst unter guten Haltungs- und Trainingsbedingungen lässt sich Stress nicht vollständig vermeiden – und das muss auch nicht das Ziel sein. Stress ist eine normale Reaktion auf Herausforderungen; eine kurzfristige Aktivierung ist nicht automatisch schädlich. Entscheidend sind Stärke und Dauer sowie die Fähigkeit des Pferdes, anschließend wieder zur Ruhe zu finden. Für Dr. Henrike Lagershausen liegt dort die entscheidende Grenze: „Lernen ist dann am erfolgreichsten, wenn das Pferd ohne Angst und Überforderung ausgebildet wird.“ Die Gewöhnung an den Menschen sollte deshalb nicht erst beginnen, wenn das Jungpferd für die Ausbildung aus seiner Gruppe geholt wird. Prof. Dr. Christine Aurich weist darauf hin, dass bereits der erste Kontakt „für ein Pferd sehr stressintensiv“ sein könne. Werde es jedoch systematisch in kleinen Schritten herangeführt und könne die Situation positiv abschließen, nehme die Stressreaktion mit jeder Wiederholung ab. Diesen Effekt untersuchte sie mit ihrem Team bei 18, 24 und 30 Monate alten Warmbluthengsten. 

        Die Tiere absolvierten zwölf Wochen lang ein altersangepasstes Vortraining. Zu Beginn der Aufgaben stiegen Speichelcortisol und Herzfrequenz; auch die Herzratenvariabilität veränderte sich. Mit der Wiederholung wurden die Reaktionen geringer. Selbst die 18 Monate alten Hengste gewöhnten sich rasch an ihr verkürztes Programm aus freier Bewegung und Führanlage. Geritten wurde keines der Pferde. Nehmen Angst, Anspannung oder Abwehr dagegen zu, muss der Ausbilder einen Schritt zurückgehen. Hinweise können anhaltendes Schweifschlagen, ein eingeklemmter Schweif, wiederholtes Herausstrecken der Zunge oder fehlende Entspannung sein. Ein einzelnes Zeichen beweist noch keine Überforderung. Entscheidend sind Häufung und Dauer. Nach Möglichkeit sollte es gar nicht erst so weit kommen, betont Prof. Dr. Aurich. Dafür brauche es Ausbilder, die erste Anzeichen früh erkennen und entsprechend reagieren. Rolf Petruschke rät deshalb, sich bei der Jungpferdeausbildung an Menschen mit Erfahrung zu orientieren: „Man muss sehen und begründen können, warum man etwas macht.“

        Individuelle Entscheidungen

        Martin Plewa warnt vor starren Konzepten: „Wie man die ersten zwei Jahre gestaltet, sollte man ganz individuell entscheiden und den jeweiligen Entwicklungsstand berücksichtigen.“ Zu dieser individuellen Planung könnten auch längere Unterbrechungen gehören. „Auf jeden Fall macht es Sinn, auch jungen Remonten mal eine etwas längere Pause zu gönnen, vergleichbar mit einer Turnierpause bei einem erwachsenen Sportpferd.“ Eine solche Pause dürfe jedoch nicht der einzige Zeitraum sein, in dem sich das Pferd frei bewegt und auf die Weide kommt. Entscheidend sei vielmehr, „dass die Haltungsumstände sich nicht gravierend ändern“ – das Pferd also nicht nur während einer Pausenphase, sondern möglichst ganzjährig Weidegang erhält. Auch für den Wochenrhythmus nennt Plewa eine Orientierung: In den ersten Ausbildungsmonaten reiche es, das junge Pferd etwa dreimal pro Woche zu reiten, im Alter von vier bis fünf Jahren vier- bis fünfmal. Eine starre Zahlenformel sei das aber nicht. Entscheidend blieben Ausbildungsstand, Aufgabe und Reaktion des einzelnen Pferdes. Für die weitere Dosierung folgt Plewa einem klaren Grundsatz: „Die Anforderungen steigere ich langsam in der Reihenfolge Dauer – Häufigkeit – Intensität, wobei Jungpferdeausbildung nie intensiv werden darf.“ Wegen der begrenzten Konzentrationsfähigkeit junger Pferde empfiehlt Plewa etwa alle zehn Minuten eine Schrittpause mit hingegebenem Zügel. Bei schwach bemuskelten Pferden, besonders bei langem oder weichem Rücken, reduziert er mitunter schon in der Schrittphase die Belastung durch das Reitergewicht: Einen Teil des Aufwärmens gestaltet er vom Boden aus; nach der Arbeit führt er das Pferd, statt es unter dem Reiter trocken zu reiten. Dabei folgt Plewa einer klaren Maxime: Ein junges Pferd solle nicht erkennbar ermüden. Nach einer anstrengenderen Einheit müsse mindestens ein freier Tag folgen.

        Gesunderhaltung als Herzstück

        Für Martin Plewa dient die vielseitige Grundausbildung der physischen und mentalen Gesunderhaltung des jungen Pferdes. Dazu gehören für ihn das Reiten im Gelände, die Arbeit auf unterschiedlichen Böden und am Hang sowie kleine Sprünge und wechselnde Aufgaben. „Die Tatsache, dass die Adaption der Gliedmaßen an spätere Belastungen im Sport im jugendlichen Alter erfolgen muss, ist den meisten Ausbildern von Jungpferden nicht mehr bekannt“, sagt Plewa. Dabei seien „die Gesunderhaltung und Langlebigkeit von Pferden eigentlich das Herzstück der Reitlehre“. Zu Beginn der Ausbildung steht für Plewa eine grundlegende Aufgabe: „Das Wichtigste ist, dass das Pferd lernt, unter dem Reiter das Gleichgewicht zu finden, das durch das Reitergewicht zunächst sehr beeinträchtigt wird.“ Er empfiehlt eine Kopf-Hals-Haltung in leichter Anlehnung, die der freien Bewegung ohne Reiter entspricht: mit langem, nach vorn gedehntem Hals und der Nase noch deutlich vor der Senkrechten. Im Schritt lässt er das junge Pferd weitgehend mit hingegebenem Zügel schreiten. Der Trab sollte zunächst in eher ruhigem Tempo geritten werden, der Galopp anfangs möglichst viel auf geraden Linien. Denn die Fliehkräfte auf gebogenen Linien belasten, so Plewa, das jeweilige Bein in der Einbeinstützphase zusätzlich. Rolf Petruschke achtet besonders auf die Qualität des Schritts. Kann ein junges Pferd unter dem Reiter nicht mehr gleichmäßig und gerade schreiten, wird der Bewegungsablauf kurz und unruhig, kann das nach seiner Erfahrung auf Ermüdung, Stress oder Überforderung hinweisen. 

        Junge Pferde profitieren davon, neue Orte, Geräusche, andere Pferde und kleine Aufgaben früh in Ruhe kennenzulernen – ohne zusätzlichen Leistungsdruck. Foto: Holger Schupp

        Das Mindestalter macht ein Pferd startberechtigt, aber noch nicht turnierreif. Vor dem ersten Start sollte es Transport, fremde Plätze, Warten und einfache Aufgaben bereits ohne Prüfungsdruck kennengelernt haben. Dann gelingt im Idealfall auch der Start in den Turniersport möglichst stressfrei. Foto: Stefan Lafrentz

        Mit dem Reitergewicht muss ein junges Pferd sein Gleichgewicht neu organisieren. Fotos: Holger Schupp

        Beim ersten Aufsitzen sind Erfahrung und Teamwork entscheidend: Ein routinierter Reiter und ein verlässlicher Helfer geben dem jungen Pferd Sicherheit und lassen Stress gar nicht erst entstehen.

        Der Schritt sei deshalb eine besonders wertvolle Kontrolle dafür, ob die Ausbildung noch auf dem richtigen Weg ist. In den ersten Ausbildungsjahren sollte das Pferd lernen, sich entsprechend der Ausbildungsskala in allen drei Grundgangarten taktmäßig zu bewegen, zunehmend schneller zur Losgelassenheit zu kommen und eine vertrauensvolle Anlehnung zur Reiterhand zu entwickeln. Als besonders aussagekräftig gelten für Plewa das Zügel-aus-der-Handkauen- Lassen und das Überstreichen: „Sie sind für die Kriterien Losgelassenheit, Gleichgewicht und Anlehnung der beste Prüfstein.“ Hand- und Richtungswechsel, Übergänge, dosiertes Galopptraining, unterschiedliche Böden, Hangarbeit und kleine Sprünge schulen Gleichgewicht, Muskulatur und Koordination. Einen besonderen Stellenwert hat für Plewa das Gelände: „Reiten in der Natur muss eine Selbstverständlichkeit sein.“ Rolf Petruschke lenkt den Blick zusätzlich auf die mentale Anpassungsfähigkeit: „Der Lernort ist der zweite Pädagoge“, sagt er. Schon das Aufsitzen auf einem fremden Platz könne für ein junges Pferd eine neue Aufgabe sein. Vor dem ersten Wettkampf sollte es deshalb unterschiedliche Orte und Atmosphären kennengelernt haben – zunächst ohne zusätzlichen Prüfungsdruck.

        Nicht wann – sondern wie

        Die Forschung zeigt: Junge Pferde können von früher, regelmäßiger und angepasster Bewegung profitieren – vorausgesetzt, Haltung, freie Bewegung, Trainingsaufbau und Pausen sind auf ihre körperliche und mentale Entwicklung abgestimmt. „Wir wollen ja nicht nur das dreijährige Pferd betrachten.

        Wir wollen ein Pferd ausbilden, das möglichst lange gesund und sportlich aktiv bleiben kann“, sagt Prof. Dr. Christine Aurich. Gerade talentierte Pferde verleiten dazu, Entwicklungsschritte zu überspringen. Martin Plewa warnt davor, sich von züchterisch verbesserter Rittigkeit, ausdrucksstarken Grundgangarten oder besonderem Springvermögen täuschen zu lassen: „Wir dürfen uns dadurch nicht dazu verleiten lassen, unsere jungen talentierten Pferde zu überfordern, wenn sie die körperliche Stabilität und mentale Reife noch nicht erreicht haben.“ Altersgerechte Ausbildung bedeutet deshalb, die Entwicklung des einzelnen Pferdes immer wieder neu einzuschätzen – und dem Zeitdruck zu widerstehen. Oder, wie Martin Plewa es auf den Punkt bringt: „Wer schnell vorwärtskommen will, muss sich Zeit lassen.“

         Sabine Heüveldop

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